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Bewaffnete in Schulen, Reparatur der kaputten Kategorisierung von Geisteskranken, strafrechtliche Verfolgung von Kriminellen mit Schusswaffen – das ist die Antwort des Vorsitzenden der National Rifle Association auf die Morde von Newtown. Damit weist Wayne LaPierre einen Ruf zurück, der immer lauter wird – dem nach universellen Background-Checks beim Waffenkauf, also der Überprüfung von Krankengeschichte und Führungszeugnis. Bisher ist das System uneinheitlich, beim privaten Verkauf von Waffen ist überhaupt keine Überprüfung vorgeschrieben. LaPierre nennt die Überprüfungen eine Idee, die logisch erscheint, aber nicht funktioniert: Das Problem seien Kriminelle mit Waffen – und die fielen sowieso aus dem System.

Allein: 2007 gab es zwischen 15.000 und 19.000 Unfälle mit Schusswaffen in den USA – 600 Menschen starben, ganz ohne Einwirken von Kriminellen. Die öffentliche Unterstützung für strengere Regulierung von Waffen ist überwältigend. LaPierre selbst nannte 1999 nach dem Schulmassaker in Columbine die Überprüfungen ein gutes Mittel gegen Waffengewalt. Und doch ist es nicht einfach, angesichts von zig Millionen Waffenbesitzern die Gesetze zu ändern – allein schon aus politischer und kommunikativer Sicht. Die Strategie des Weißen Hauses ist nun, sich ganz auf halbautomatische Sturmgewehre, große Munitionsmagazine und die Background-Checks zu konzentrieren. Gegen einfache Handfeuerwaffen oder Sportgewehre kann oder will Barack Obama nichts tun.

Und um sich vom Vorwurf der Voreingenommenheit gegenüber Waffenbesitzern zu befreien, zelebrieren der Präsident und sein Vize jetzt die Waffenkultur. Joe Biden sprach in einem Interview von Schrotflinten als hervorragende Verteidigung für das Haus, Barack Obama sprach von seiner Passion fürs Sportschießen. Diese politischen Schachzüge sollen die Verschärfung von Waffengesetzen legitimieren – und bedienen in gewisser Weise die Argumentation der NRA. Denn anstatt die Notwendigkeit des Waffenbesitzes im Allgemeinen in Frage zu stellen, zielen Obama und Biden auf die altgediente Masche „aufrechter, gesetztestreuer Bürger“ ab. Ein guter Amerikaner wisse mit seiner Waffe umzugehen – und ist der einzige, der einen böswilligen Menschen mit einer Waffe aufhalten kann. Das sagt zumindet der NRA-Vorsitzende und begründet damit seine Forderung nach Bewaffneten an Schulen. Was er nicht erwähnt: Auch an der Columbine Highschool gab es zwei Wachmänner mit Schusswaffen. Trotzdem konnten die zwei Attentäter zwölf Menschen töten.

Die NRA könnte indes den Anschluss an ihre eigenen Mitglieder verloren haben, von denen drei Viertel strengere Regeln für den Waffenkauf befürworten. Eine Minderheit der Waffenbesitzer scheint aber beunruhigt. Das zeigt sich an Aktionen, die für europäische Verhältnisse grotesk wirken: Beim „Gun Owners Support Starbucks Day“ etwa wollen sie mit offener Waffe im Café sitzen – weil Starbucks das Tragen von Waffen nicht prinzipiell verbietet. An den kommenden Gesetzen werden sie so nichts ändern können. Joe Biden sah schon zu Beginn seiner Gespräche mit Interessenvertetern im Januar Offenheit für die Regelungen.

 

Die Debatte der Kandidaten für die US-Vizepräsidentschaft war eine andere Angelegenheit als die erste Debatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney. Wo diese höflich, aber teils müde und verklausuliert wirken, hielten sich Joe Biden und Paul Ryan kaum zurück – und das nicht nur mit verbalen Attacken. Besonders Biden zeigte immer wieder, was er von Ryans Äußerungen hielt: Er lachte auf, zog Grimassen und grinste spöttisch. 51 Millionen Zuschauer sahen zu – es war eine der meistgesehenen Vizepräsidenten-Debatten überhaupt. Doch diese Aufmerksamkeit bekommen US-Vizepräsidenten nur selten. Das Amt ist verschrien als Abstellgleis für blasse bis kauzige Politiker.

Die verfassungsmäßigen Pflichten des POTUS-Stellvertreters sind schnell umrissen: Der Vizepräsident wird gleichzeitig mit, aber prinzipiell unabhängig von dem Präsidenten gewählt. Er ist der Vorsitzende des Senats, darf aber nur bei einem Patt-Ergebnis selbst abstimmen. Und vielleicht am wichtigsten: Im Falle des Todes, des Rücktritts oder der Absetzung des Präsidenten übernimmt er dessen Amt. Das ist im Prinzip auch schon alles, was die Verfassung der Vereinigten Staaten vorschreibt. Die tatsächlichen Aufgaben und Pflichten seiner täglichen Arbeit werden ihm von Präsident und Kongress zugetragen. Der erste Vizepräsident, John Adams, kommentierte seine Aufgabe lakonisch: „Mein Land hat mir in seiner Weisheit das unwichtigste Amt entworfen, das sich jemals ein Mensch ersinnt oder seine Fantasie erdacht hat.“ Immerhin sollte er noch der erste Mann im Staat werden.

Kuriose zweite Männer

Die Geschichte des Amtes ist auch eine der verschrobenen Politiker: Männer, die nicht mal in Washington wohnen wollten, die exzentrische Hobbys hatten und die mit ihrer Kriegskunst prahlten. 1841 trat zum ersten Mal ein, was die Gründerväter hervorgesehen hatten: Ein Vizepräsident musste den verstorbenen Präsidenten ersetzen. John Tyler trat allerdings nicht einmal mehr zur nächsten Wahl an. Das hat sich aber mit der Zeit geändert: Fünf Vizepräsidenten wurden später in das höhere Amt gewählt; elf mussten ihren Vorgesetzten ersetzen. Im 20. Jahrhundert allein wurden fünf Vizepräsidenten noch Präsident. Diese Zahlen sind nicht unerheblich angesichts der Tatsache, dass es erst 44 Präsidenten gegeben hat.

Wer sind nun die Männer, die nur ein paar Flure und ein plötzlicher Herzinfarkt von übergroßer Macht trennen?

Der Altgediente

Joseph Biden wurde 1972 bereits mit 29 Jahren in den Senat gewählt, wo er den Staat Delaware 36 Jahre lang vertrat. Damit war er einer der jüngsten gewählten Senatoren, hatte eine der längsten Amtszeiten und war zum Zeitpunkt seines Rücktritts einer der dienstältesten Abgeordneten. 2008 trat er, wie 1988, zunächst parteiintern selbst für die Nominierung als Kandidat an. Nach seinem Rückzug wählte Barack Obama ihn als Running Mate. Biden gilt als überzeugter Demokrat, mit gesellschaftlich liberalen Überzeugungen und einem großen Umweltbewusstsein. Außerdem spricht man ihm ein laxes Mundwerk zu: Im Zuge des Wahlkampfes 2012 etwa sagte er in einem Interview, er unterstütze die Eheschließung für Homosexuelle – Barack Obama hatte als Präsident zu diesem Thema geschwiegen. In der Vergangenheit hatte er verschiedene Positionen geäußert, etwa gegen die Ehe, wenn auch für „Civil Unions“. Biden brachte Obama so in Zugzwang. Schließlich bestätigte er doch seine Unterstützung für das Recht von Homosexuellen, zu heiraten.

Der Aufstrebende

Paul Ryan, 42, ist Kongress-Abgeordneter aus Wisconsin. Als fiskalkonservativer Hardliner ist er Vorsitzender des House Budget Committee, das für das Staatsbudget verantwortlich ist. Während Mitt Romney von der konservativen Basis der Republikaner und der Tea Party nur widerwillig als Kandidat akzeptiert wurde, ist Ryans Nominierung mit Freude aufgenommen worden. Als authentisch konservativer Politiker soll er ein Gegengewicht zu Romneys schwankenden Überzeugungen darstellen. Denn nicht nur ist er für niedrige Steuern und eine schwache Regierung, auch gesellschaftspolitisch stimmt Ryan voll mit der Tea Party überein, etwa als Gegner von Homo-Ehe, Abtreibungen und verpflichtender Krankenversicherung.

Diese beiden Männer suchen nun das zweithöchste Amt im amerikanischen Staate. Ob als Sprungbrett in höhere Sphären oder als Dienst am Volk, wird sich zeigen. Aber immerhin: Ansehen und Arbeitsumfeld der Vizepräsidenten haben sich seit der Einführung der Verfassung mehr als nur verbessert. Mit einem hohen Gehalt, einem großen Mitarbeiterstab, der „Air Force Two“ und sogar einem eigenen offiziellen Lied („Hail, Columbia„) müssen sich Politiker der Vizepräsidentschaft nicht mehr schämen. Und vier der letzten zwölf Vizepräsidenten haben es sogar bis in das höhere Amt geschafft, zwei scheiterten nur knapp.