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Bibliotheken brauchen neue Medien, darunter E-Books, um kein „Museum der Bücher“ zu werden – das ist der Aufruf von Eblida, dem European Buereau of Library, Information and Documentation Associations. Dass diese Kampagne nötig ist, zeigt, wie sehr selbst Medienbranchen noch in einer analogen Welt leben.

The right to E-ReadIn seiner Kampagne „The Right to E-Read“ beklagt der Verband, dass es unklare Rechtsvorschriften unmöglich machten, digitale Sammlungen aufzubauen. Rund die Hälfte der E-Book-Bestseller seien für Bibliotheken nicht verfügbar – weil die Verlage keine Lizenzen erteilten und die Büchereien, anders als bei physischen Medien, derzeit kein generelles Recht auf Kauf und Ausleihe hätten. Oft seien digitale Ausgaben darüber hinaus auch teurer als analoge. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels befürchtet dagegen, dass die E-Book-Ausleihe das Geschäftsmodell digitaler Bücher an sich torpedieren würde; der Verband deutscher Schriftsteller deutet eine „Gratismentalität“ an, die die Qualität der Inhalte gefährde. Aber in Zeiten der Flatrates auf allen Gebieten, seien es Internet, mobile Daten, Musik oder Filme, wirkt die Klage einer hinterhereilenden Branche absurd.

Neues Feuer erhält die Debatte mit Amazons neuem Dienst „Kindle Unlimited„, mit dem User seit Juli für knapp zehn Dollar im Monat eine Art Bücher-Flatrate erhalten – das bedeutet den Zugriff auf rund 600.000 E-Books, bisher nur in den USA. Darunter sind zwar auch Bestseller wie die Titel der Harry-Potter- oder der Herr-der-Ringe-Reihen, die großen Verlage Hachette, HarperCollins, Macmillan, Penguin Random House und Simon & Schuster halten sich aber wohl aus dem Angebot heraus. „ComputerBild“ spekuliert aber, dass das Angebot diesen Herbst auch in Deutschland starten könnte.

Hier würde Amazon aber auf einige Konkurrenten treffen, die sich bereits etabliert haben (hier zusammengestellt von Netzwertig.com). Besonders Skoobe, ein Joint Venture der Verlage Holtzbrinck und Bertelsmann, wird als Gefahr für den Platzhirsch genannt. Ab rund zehn Euro haben Nutzer hier Zugriff auf 50.000 Bücher. Lesen.net sieht in Skoobe das derzeit beste Angebot seiner Art in Deutschland – verweist aber auch auf deutsche Bibliotheken und ihre Lizenzprobleme. Wenn es nach ihnen ginge, könnten sie ein viel größeres, viel günstigeres Angebot machen.

In der Bibliothek meiner Heimatstadt Neuwied kostet die Mitgliedschaft 15 Euro – im  Jahr. Die zentrale „Onleihe“-Stelle für Bibliotheken in Rheinland-Pfalz umfasst knapp 5000 Bücher in Belletristik, 3000 in Sachbüchern – kaum eins aktuell verfügbar, weil ausgeliehen. Im digitalen Zeitalter, im Zeitalter der riesigen Speicherkapazitäten, dürfen Bibliotheken trotzdem nicht so viele E-Books ausleihen, wie sie möchten. Aus Sicht der Verlage ergibt das Sinn, aber die Autoren haben bisher ohnehin nichts vom digitalen Verleih, da sie nach Aussage des Bibliothekenverbandes keine Entlohnung dafür erhalten – was er explizit bemängelt. In den USA gibt es schon Vereinigungen von Autoren, die sich für E-Books in Bibliotheken aussprechen.

Es drängt sich keine offensichtliche Patentlösung auf, mit der Autoren, Verlage, Konsumenten und Bibliotheken auf einen Schlag zufrieden wären (auch wenn man gegen die Notwendigkeit von Gatekeepern wie Verlagen oder Plattenlabels heutzutage generell argumentieren kann). Andere Branchen, wie etwa die Musikindustrie, geben ihre Rückzugsgefechte langsam auf. Bei den Verlagen scheint man sich gerade erst dafür zu rüsten. Aber nicht nur wegen der anachronistischen Idee der digitalen Stückzahlen, auch wegen der prinzipiellen Einschränkungen der Ausleihe widerspricht die derzeitige Situation der Idee der grenzenlosen Information, für die das Internet stehen soll – und für die Bibliotheken schon lange gekämpft haben. Wunderbare Angebote wie OpenLibrary und Project Gutenberg versuchen das auch online.

Am 1. März hat der Bundestag beschlossen, das Leistungsschutzrecht für Presseverlage einzuführen. Es soll verhindern, dass Dritte auf Content zugreifen, den Verlage online stellen. Abgezielt hat das Gesetz vor allem auf eine Firma: Google. Mit ihrem Service Google News aggregiert die Seite Nachrichtenmeldungen und präsentiert sie zentral auf ihrer Seite. Dazu zeigt Google News Vorschaubilder und Textausschnitte, auch Snippets genannt.

So weit, so bekannt.

Überraschend war die Änderung des Gesetzestextes kurz vor der Abstimmung. Suchmaschinen sollen „einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte“ jetzt doch auch ohne Vergütung benutzen dürfen. Für viele Kritiker schien damit das ganze Gesetz hinfällig zu werden. Was schützt das Gesetz dann noch? Allerdings sorgt diese Änderung auch für rechtliche Unsicherheit – was sind „kleinste“ Textausschnitte? Drei Worte, vier Worte, zwei Sätze? So produziert das Leistungsschutzrecht eine weitere rechtliche Grauzone im Internet, das davon wirklich bereits genug hat.

Argumente gegen das Leistungsschutzrecht gibt es viele, und sie sind hinlänglich bekannt. Wenn Verlage nicht wollten, dass ihre Inhalte weiterverwertet werden, sollten sie sie nicht kostenlos ins Internet stellen. Das Leistungsschutzrecht gilt genauso für kurze Meldungen, die alle Online-Ausgaben sowieso von Nachrichtenagenturen beziehen, die aber dann unter ihr Verwertungsrecht fallen. Wenn Google eine Website nicht indizieren soll, können das die Betreiber technisch simpel einrichten. Blogger, die einen Artikel anteasern, um ihn zu kommentieren, könnten jetzt abgestraft werden. Und ökonomisch am wenigsten verständlich: Auch wenn Google mit Anzeigen Geld verdient, könnten die Verlage gar nicht auf die Verlinkungen verzichten – große Anteile des wertvollen Traffics kommen von Suchmaschinen. Drei Jahre alte Zahlen aus Amerika sprechen von bis zu 50 Prozent. Dass sich jemand mit Überschriften oder Halbsätzen begnügt, also auf Google bleibt und nicht den Link klickt, scheint nicht realistisch.

Die Diskussion um ein Leistungsschutzrecht zeigt aber ein anderes Dilemma: Die Zwiespältigkeit der Presse als Demokratieträger und Teil der Privatwirtschaft. Wie kann eine Zeitung neutral bleiben bei einem Thema, das für sie wirtschaftlich bedeutsam sein kann? Google als einfaches Unternehmen darf eine offene Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht führen, weil die Firma keine demokratietheoretische Verantwortung der Bevölkerung gegenüber hat. Aber die Zeitungen müssen möglichst ausgewogen und objektiv berichten – was unter Umständen zu eigenen Nachteilen führen könnte. Auch die innere Pressefreiheit als Puffer zwischen Journalismus und Betriebswirtschaft wirkt vielleicht schlechter in Zeiten, in denen Presseunternehmen reihenweise insolvent werden. So könnte beim einzelnen Journalisten auch noch ein privates Interesse dazukommen – die Sorge um seinen Arbeitsplatz.

Das Leistungsschutzrecht wird nicht über Glück und Verderben der deutschen Presse entscheiden, und ein offenes Misstrauen gegenüber Verlagen scheint nicht angebracht. Einen schalen Nachgeschmack hinterlässt die Debatte aber als Beispiel für einen Interessenskonflikt schon. Denn natürlich haben die meisten Zeitungen für das Leistungsschutzrecht argumentiert. Die Lösung wäre eine öffentlich-rechtliche Presse – aber wer würde so etwas vorschlagen?