Bushido: Kalkulierter Eklat ohne Ausweg

Franz Josef Wagner tut so, als würde er an eine bessere Welt glauben. Eine Welt, in der alle anständig und ordentlich sind, in der Verbrecher ihre gerechte Strafe bekommen (gerecht heißt dabei selten „in Einklang mit deutschen Gesetzen“) und in der junge Menschen alten Menschen über die Straße helfen.

Die kalkulierte Empörung der „Bild“ über den Song „Stress ohne Grund“ von Shindy und Bushido passt perfekt in diese Schablone. Wagner will Bushido nicht mit „Lieber“ anschreiben, denn darin steckt ja Liebe. Auch das höfliche „Sehr geehrter“ scheint ihm nicht zu passen. Also muss Bushido „böse“ sein. Wagners folgende Formulierungen sind holprig: „Was für ein Idiot Mensch sind Sie?“, „Ihr neues Video ist so eklig, wie Ratten essen“. Wie essen Ratten überhaupt? Interessant wird es dann aber doch noch: Wagner nennt Bushido „Arschloch“, „Idiot“ und „dumme Wurst“. Das passt nicht mit seiner Aufgabe als Journalist zusammen, denn auch Kolumnisten sind den journalistischen Standards verpflichtet. Herablassende Kritiken, Spott und Ablehnung, überhaupt starke Meinungen sind erlaubt und gefordert. Aber offene, simple Beleidigung?

Der Inhalt von Bushidos Zeilen steht außer Frage, aber Klaus Wowereit und Serkan Tören hätten Bushidos ziemlich offensichtliche Absichten durchschauen können. Ihre Anzeigen helfen „Bild“ für die Auflage und Bushido für die Bekanntheit. Wowereit und Tören können nur verlieren, wenn es ihnen nicht um Schmerzensgeld geht. Dafür können sie nichts, müssen aber trotzdem mit der Situation umgehen. Franz Josef Wagner nutzt diese Situation aus und schwingt sich zum Sprachrohr des Volkes auf. Er wiederholt, was die Masse denkt, aber eben auch sagt – was seine eigenen Beleidigung nur noch niveauloser erscheinen lässt. Sein Kommentar ist belanglos und unangebracht. Er trägt nichts zur Debatte bei, er analysiert nichts.

Dabei braucht es auch nicht viel Analyse. Bushido macht Promotion mit einfachsten Mitteln, und die Medien sind in einem Teufelskreis gefangen. Sie werden nicht müde, Bushido die Relevanz abzusprechen und zu empfehlen, ihn zu ignorieren, dabei tun sie genau das Gegenteil. Bushido twittert munter Link um Link zu all den Kommentaren. Seine Raps seien holprig, die Reime schlecht, der Rhythmus unbeständig, schreiben Journalisten, die sich bisher wohl kaum mit HipHop befasst haben. Das kann Bushido egal sein, denn mit ausgefeilter Technik hat er noch nie beeindrucken können. Doch wie die deutsche Medienszene funktioniert, hat er durchschaut. Keine Zeitung kann sich jetzt noch leisten, nicht über den Eklat zu berichten, nachdem die „Bild“ als erste das Sommerloch vollgestopft hat – auch wenn es überhaupt nichts Neues oder Überraschendes zu der traurigen Aufführung zu sagen gibt.

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