Hitzlsperger: Self-fulfilling Prophecy der Missverständnisse

„Ich bin ja nicht für Atomenergie, aber diese Windräder gehören nicht in meinen Garten.“

„Wegen mir können die ja glauben, was sie wollen, aber diese Türme in der Stadt, neben der Kirche?“

Diese Argumente täuschen Toleranz nur vor. Tolerieren bedeutet nicht ignorieren, bedeutet nicht erzwungene Verdrängung. Dass manche Journalisten solche Schutzargumente aber noch vor sich hertragen, hat sich in den letzten Tagen an der Debatte um die sexuelle Orientierung eines ehemaligen Fußball-Nationalspielers gezeigt.

In einem Interview mit der Zeit hat Thomas Hitzlsperger über seine Homosexualität gesprochen. Damit war er der erste A-Listen-Spieler, der das getan hat. Die Reaktionen: Überwiegend positiv. Negative Reaktionen zu seiner öffentlichen Aussage fehlten – zumindest explizite.

Denn das Editorial des Fußball-Leitmediums Kicker war diese:

„Wichtig? Ist etwas passiert?“

Die Antwort: Ja, es ist etwas passiert. Der Profifußball war eine der letzten Bastionen der absoluten Heterosexualität, gleichauf wohl nur mit der katholischen Kirche. Dass die Vorstellung Quatsch war, wusste jeder selbst. Dass sich aber jemand in die Öffentlichkeit wagt, ist neu – und deshalb ist es wert, darüber zu berichten. Erst recht, wenn Fußball das wichtigste Thema eines Mediums ist. Denn worum es geht, ist nicht die sexuelle Orientierung eines einzelnen Spielers, sondern die symbolische Bedeutung ihrer Veröffentlichung. Hitzlsperger drängt auch seine Sexualität niemandem mehr auf als eine Schauspielerin, die im Interview von ihrem Freund spricht.

In einem Video erklärte Hitzlsperger seinen Schritt genauer. „Im Fußball gibt es keine bekannten Homosexuellen. Daher ist es schwer zu sagen, ob es wirklich schwulenfeindlich ist. Man muss warten auf die ersten, den ersten Fußballer, der sich bekennt zu seiner Homosexualität.“

So lange niemand im Fußball offen schwul war, haben schwulenfeindliche Sprüche zumindest niemanden im Umfeld direkt beleidigt. Aber wie in der Gesellschaft hat es die Homosexuellen auch in den Vereinen gegeben. Hitzlsperger sagte, bei „guten Witzen“ habe er auch mitgelacht und sich nicht beleidigt gefühlt. Ist aber jeder auf Dauer so stark?

Die „Rocky Horror Hitzlsperger Show“ hat Jasper von Altenbockum das Coming-Out in der FAZ genannt. Altenbockum interpretiert die komplette Diskussion um: Weil es Homosexuellen in Deutschland besser als anderswo gehe und die meisten Menschen normal mit ihnen umgingen, sei der implizite Vorwurf der Homophobie an die Deutschen – Diskriminierung. Ergo: „Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ‚Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.'“

Hitzlsperger hat aber niemandem Homophobie vorgeworfen. Dafür, dass Altenbock das Coming-Out als „harmlos“ erachtet, rutscht er erstaunlich schnell in dystopische Fantasien von schwulen Diktaturen und Unterjochung von Vater-Mutter-Kind ab. Denn die Grundannahme des Arguments ist schon falsch: Homosexuelle sind in Deutschland weder gleichberechtigt noch allgemein anerkannt. Altenbock will nicht zur Toleranz gezwungen werden, aber die Gleichbehandlung von gesellschaftlichen Gruppen ist ein größeres Gut als sein abschätziges Unwohlsein. „Die kleindeutsche Paranoia des Reaktionärs“ nennt das Georg Diez bei Spiegel Online.

Analog dazu schreibt Johannes Kram bei Vocer: „Wieso haben eigentlich Schwule so viele Jahre dafür gekämpft, anders sein zu dürfen, wenn sie jetzt ihr Anderssein so in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zerren?“ Damit bringt er eloquent sein eigenes Missverstehen zum Ausdruck. Normal ist Schwulsein mittlerweile in manchen, vielleicht vielen Gesellschaftsgruppen, aber eben nicht im Fußball. Und ob das ganze nur ein Marketing-Schachzug war, kann niemand außer Hitzlsperger selbst bewerten.

Dabei ist dessen Aussage so klar wie einfach: „Ich möchte gern eine öffentliche Diskussion voranbringen – die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern.“

Das zumindest hat er geschafft.

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