Money Boy und seine Glo Up Dinero Gang: Endlich oben

Weil man über ihn lachte, wurde er bekannt. Jahre später füllt der österreichische Rapper Money Boy auf seiner Tournee die Hallen – aber im Mittelpunkt will er nicht mehr stehen.

Die Lautsprecher drücken den Bass in die dicht gedrängte Menge, Zigaretten und Joints trüben die Luft. Auf der schmalen Bühne im Berliner Club Bi Nuu hüpft ein knappes Dutzend Halbstarker herum, mit Sonnenbrillen, Anglerhüten, Mikrofonen in der Hand. Zwischen ihnen schwirren minderjährige Mädchen umher, schüchtern tanzen sie miteinander. Nur einer schafft es, sich hinter allen zu verstecken: Ein mehr als zwei Meter großer Mann, doppelt so alt wie die anderen, und der Grund, warum sie alle sich auf die Bühne gequetscht haben. Der Mann nennt sich Money Boy. Der Rapper aus Wien war einst verlacht, ein Song auf Youtube machte ihn bekannt. Das hat er ausgenutzt, jahrelang hart für seinen Erfolg gearbeitet – doch seinen Ruhm fordert er nun nicht ein.

Mit Baseball-Cap, weißem T-Shirt und einer dicken Kette aus vermeintlichem Gold trottet der Star des Abends über die Bühne. Sein Blick schweift unstet umher. Seine Stimme wird vom Band und seinen Mitstreitern gedoppelt. Manchmal verstolpert er Silben, dann hört man das. Ansagen gibt es keine. Zwischen den Songs stößt Sebastian Meisinger, wie Money Boy eigentlich heißt, lediglich Halbsätze aus. „Berlin“, „Turn up“, „Let’s get it!“. Dann überlässt er wieder einem seiner Zöglinge den Mittelpunkt. Warum für einen ehemaligen Internet-Witz an einem Mittwochabend 20 Euro ausgeben und eine Stunde in der Schlange stehen?

Money Boy

Money Boy bei einem Auftritt in Freiburg 2015. Foto: Robin Krahl / CC-BY-SA 4.0

„Es ist ein krasser Sound zum Upturnen“, sagt Frane. Er wartet mit seinen Jungs auf den Einlass, allesamt sind sie in der zwölften Klasse. Rasieren muss sich keiner von ihnen. Sie ziehen an ihren Zigaretten und trinken polnisches Bier. Frane trägt einen Anglerhut, aber Bucket Hat klingt cooler. Darauf abgebildet ist die Medusa, das Markenzeichen von Versace. Musik aus Handy-Lautsprechern und Vogelrufe schallen aus der Schlange. „Money Boy ist fly“, sagt Philipp, dessen Bucket Hat in psychedelischem Grün gehalten ist. „Ich feiere seinen Twitter-Account“, sagt Daniel. Sein Bucket Hat hat ein Melonen-Muster. „Ja, er ist der einzige, der sich traut, Witze über Germanwings zu machen. Sheesh“, sagt Laszlo, Bucket Hat mit „Brooklyn“-Schriftzug.

„hab erst jetzt von dem nicen German Wings absturz geheared. wollt ihr nice jokes? oder ist es too sad :( “. So hatte Money Boy eine Reihe von derben Witzen auf Twitter angekündigt, im Stile seiner Possen über den verletzten Michael Schumacher und den toten Paul Walker. „real talk ich könnte nie bei 1 flugzeug absturz sterben. ich bin so 1 art mr. unbreakable. ich würde mich beim aufprall geschickt abrollen“, „Der Pilot hätte das Flugzeug noch retten können. Aber 1 Passagier hatte vergessen seinen Sitz in aufrechte Position zu bringen“, und so weiter, und so fort. Der Aufschrei in den Social Media war vorprogrammiert und eingeplant. Davon lebt Money Boy.

Meisinger, Magister Artium in Publizistik, weiß, wie wichtig Aufmerksamkeit ist. 2011 schlug sein Video zu „Dreh den Swag auf“ ein, es folgten Millionen von Klicks, die „Swag“ zum Jugendwort des Jahres machten, Werbeverträge und Fernseh-Auftritte. Dass die Zuschauer über den laienhaft produzierten Song mit den zusammenhanglosen Lyrics lachten, konnte Money Boy nicht verborgen bleiben. Nur eins war wichtig – Aufmerksamkeit. Dafür sorgten kostenlose Tapes, semi-professionelle Videoclips, zusammenfantasierte „Hood-Reports“ über den vermeintlich ghettogleichen 21. Wiener Bezirk, und vor allem: unermüdliches Posten auf Facebook und Twitter. Mehr und mehr entwickelte sich eine Geheimsprache zwischen ihm und seinen Fans. Verstümmelte Rechtschreibung, ein wilder Mischmasch aus Englisch und Deutsch, Insider-Witze aus obskuren Online-Videos. Doch an eine ausgeklügelte Satire glaubt schon lange niemand mehr.

Viele sahen sich „Dreh den Swag auf“ für einen kurzen Lacher an, doch manche blieben hängen. Zusammengeschlossen haben sich Money Boys Hardcore-Fans in einer geheimen Facebook-Gruppe, dem „Swag Mob“, Ursuppe für die Nachwuchsrapper, die der 34-Jährige um sich gesammelt hat. Rappen kann der eine besser, der andere schlechter, aber darum geht es nicht. Sie bilden die Glo Up Dinero Gang, kurz GUDG, und jeder macht seine eigenen Songs, Videos, Tapes und Social-Media-Kampagnen. Je mehr Output, desto mehr Aufmerksamkeit, die auch auf das Oberhaupt der Clique zurückfällt.

Nun ist die GUDG „Auf die harte Tour“ gegangen, zwölf Auftritte in ganz Deutschland. „Lubitz, Lubitz“, skandieren sie in Berlin. Die Germanwings-Witze haben Eindruck hinterlassen. Mit glasigen Augen stolpern Teenager durch die Menge. Danach der Ruf nach „Hustensaft, Hustensaft“. Die Fans fordern die Lokalhelden ein: Die Berliner Rapper Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred. Wären sie Besucher, müssten sie um Mitternacht nach Hause. „Wo sind die Bitches?“, will Hustensaft Jüngling wissen. Vereinzeltes Kreischen antwortet. Frauen gibt es kaum im Club.

Wer Money Boy und die GUDG nicht minutiös verfolgt, versteht bald gar nichts mehr. Die neuesten Begriffe, der neueste Sound, die neuesten Witze. „An meiner Schule feiert die jeder, aber die meisten so ironisch“, sagt Felix, 16, Zahnspange, Zigarette, Bandana am Gürtel. „Die finden die lächerlich. Ich kann das schon verstehen, no front.“ Er zuckt mit den Achseln. Die Welt der GUDG dreht sich um Louis Vuitton, Bugatti, Codein, Heroin, Bitches und Handfeuerwaffen. Dass das lyrische Ich nicht immer zur Realität passt, ist nicht so wichtig. Es geht um Unterhaltung, ein Feeling, einen gigantischen Insider-Witz. Als „Dreh den Swag auf“ herauskam, war Felix elf. „Ich hab schon damals dazu upgeturnt.“

Money Boys Ruf hat Hunderte in den Club gezogen, doch er selbst macht sich rar. Erst tritt eine Handvoll seiner Zöglinge auf, Spinning 9, 20G, MC Smook, Young Hoodhustla. Dann Pause. Erst im zweiten Teil kommt der Boy auf die Bühne, Jubel brandet auf. Während seine Jungs die Menge anheizen, Applaus einfordern, Ansagen machen, dreht er sich um und trinkt aus einer Flasche. Einen Song nach dem anderen ballert die Gang, doch die Hits sind kaum darunter. Über „Dreh den Swag auf“ ist Money Boy lange hinweg, trotz fast 23 Millionen Klicks auf Youtube. Einziges Zugeständnis an die weniger Eingeweihten: „Choices“, Platz zwei seiner Klickliste, knapp fünf Millionen Mal aufgerufen. Drei Minuten lang ein Frage-Antwort-Spiel: „Bist du ein Veganer? Nope / Bist du fly wie Adler? Japp“, „Magst du Hitler? Nope / Magst du Pizza? Japp“.

Piotr ist enttäuscht. Er war aus Neugier gekommen, weil er immer wieder online über Money Boy gestolpert war. Sein Nasenpiercing glitzert über dem Schnurrbart, seine Wollmütze und sein überlanger Pulli treiben ihm den Schweiß auf die Stirn. Mit 28 drückt er den Altersschnitt in die Höhe. Einen Zugang hat er nicht gefunden. „Total schlecht, da passt ja nichts zueinander“, sagt er. Doch vor der Bühne tanzen die Kids. Wer sich versehentlich anrempelt, sagt „no homo“ statt „sorry“. „Es ist wie damals bei Aggro Berlin“, sagt Johannes, 27. Er trägt einen Pullover vom Label des Rappers Haftbefehl, seine Haare sind hoch am Kopf zusammengebunden. „Damals hat auch niemand gerafft, was die machen, aber die haben drauf geschissen.“ Wer sich Money Boy anhört, will keinen perfekt produzierten, radiotauglichen Rap-Pop. Doch obwohl die Songs oft überhastet aufgenommen sind, unterhalten sie: Oft die neuesten Sounds aus der lebendigen US-amerikanischen Szene, manchmal der Auftakt zu einem neuen Running Gag. Die Musik ist nur ein Medium für die Figur Money Boy, wenn auch das wichtigste.

Money Boys erste Auftritte waren noch Belustigung für die Besucher von Großraum-Discos, doch nach und nach lohnten sich eigene Shows. In der Publizistik arbeitet er schon lange nicht mehr, doch irgendwas mit Medien macht Meisinger immer noch. Seine Auftritte im Mainstream, bei Pro7 oder MTV, nutzt er gnadenlos, um seine eigene Zielgruppe anzusprechen: die gleiche Sprache für seine eingeschworene Fangemeinde, kein Zugeständnis an die, die zufällig einschalten. Doch im deutschen HipHop hat er sich etabliert. Er spielt mit seiner Gang auf dem wichtigsten Festival der Szene, dem Splash, hat einen Song mit Fler und taucht auf dem neuesten Album von Bushido und Shindy auf. 170.000 haben seinen Youtube-Kanal abonniert, die fast 90 Millionen Views bedeuten bares Geld. Online konnte man T-Shirts kaufen, die Mona Lisa mit Money Boys grobschlächtigem Gesicht, oder selbstbemalte Styroporbecher, vorgeblich zum Genuss von Sprite mit codeinhaltigem Hustensaft. Doch wenn er seinen Erfolg genießt, dann im Stillen. Feiern lässt er sich in Berlin nicht.

„Ich komme in den Club mit der Bottle in der Hand und mach sie drunk, drunk“, rappen Medikamenten Manfred und Hustensaft Jüngling, während ihre Altersgenossinnen mit großen Augen zuschauen. Dennoch traut sich keiner so recht aneinander. Es ist wie bei einer Mittelstufenparty, nur ohne Aufsicht. Eine einzige eifrige Bewunderin verfolgt Money Boy über die Bühne, doch immer wieder schüttelt er sie ab. Er ist fast 20 Jahre älter als manche um ihn herum.

„Ich kann nicht losen, denn ich kam mit nothing“, wiederholt Money Boy immer wieder in seinem letzten Song. Das stimmt.  Doch jetzt, wo er etwas haben könnte, holt er es sich nicht. Selfie-Sessions und Gespräche mit Fans wie bei früheren Auftritten gibt es nicht. Während die Fans jubeln, zündet er sich eine Zigarette an oder spricht mit seinem DJ. Auf seinem Twitter-Profil nennt er sich nur noch „CEO of #GUDG“. Mit dem letzten Ton stürmt er als erster von der Bühne und verschwindet backstage.

 

 

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