Archiv

Vereinigte Staaten

Während deutsche Medien noch überlegen, wie sie Leser auf ihren Online-Auftritten halten und einbinden können, gibt es in den USA dafür schon seit 2009 ein Vorbild – mit einem bitteren Nachgeschmack.

Unter den drei großen Nachrichtensendern ist Fox News das konservative Gegengewicht zwischen dem liberalen MSNBC und CNN in der Mitte. Während der Sender journalistisch selbst schon umstritten ist, ist seine Sparte Fox Nation ein noch besseres Beispiel für die Schere zwischen Anspruch und Realität.

Die Website verlinkt zu Artikeln und Videos zu aktuellen, meist politischen Themen, häufig geschrieben von Fox News-Lieblingen wie Bill O’Reilly. Der Tenor der Seite bedient dabei die Ängste der weißen, konservativen, christlichen Republikaner-Wählerschaft – im Moment beherrscht ObamaCare die Startseite. Als Beispiel von den Anfangstagen der Seite: die Überschrift „Why Aren’t White Males Being Considered for Supreme Court?“ vor einem Bild der neun Richter (von denen sieben weiße Männer sind). Die Überschriften und Teaser für die Links sind marktschreierisch und stellten teils den Inhalt der Links missverständlich dar.

Fox Nation ist damit im Prinzip ein konservativer Link-Blog. „We’re calling it a mix between the Huffington Post and Drudge“, sagte ein Sender-Chef zum Start der Website. Was er meinte: Von der Huffington Post will die Seite die Kommentar-Kultur übernehmen, vom Drudge Report den strikt konservativen Einschlag und die Links auf andere Medien. 

Von Kultur kann aber keine Rede sein, wenn es um die Kommentare geht. Das hochtrabende „Mission Statement“ behauptet:

The Fox Nation is committed to the core principles of tolerance, open debate, civil discourse, and fair and balanced coverage of the news. It is for those opposed to intolerance, excessive government control of our lives, and attempts to monopolize opinion or suppress freedom of thought, expression, and worship.

Tatsächlich sind die meisten Kommentare eine Mischung aus Satzfragmenten, Off-Topic-Textblöcken, persönlichen Angriffen auf andere Nutzer und Beleidigungen von Politikern – meist Barack Obama. Der Einschlag ist, wohl wie gewünscht, deutlich konservativ, liberale Einwürfe werden meist niedergeschrieben. Die Huffington Post hatte kurz nach dem Start der Seite diese Kommentare zusammengetragen:

I can’t believe people still don’t get what animals muslims are. They will not stop until they’ve killed us all and ended our way of life. I will never forget what they did to us on 9/11. It’s either us or them people!!!

If Mr Obama wants a democratic presidency, why doesn’t he let „The People“ vote for whether or not „WE“ want Muslims in this country at all! He is making a mockery of the office of „President“. What a disgrace.

YOU SAY OBAMA I SAY OSAMA YOU SAY BIN LIDEN I SAY BIN BIDEN YOU SAY TERRORIST I DSAY PRESIDENT!!!!!!!! WOW , IS THERE ANYTHING HE CANT DO BESIDE RUIN ONE HECK OF A LIFE.

Can anyone say Manchurian Candidate?

kill all ragheads

Osama Muslin HUSSIEN Terrarist!!!!!!!!!!!!

Aber schon Fox Nation selbst zögert nicht, zu beleidigen: Ungläubig fragt etwa eine Überschrift: „Rachel Madd-Cow Gets a Grammy Nomination?“ Rachel Maddow ist eine Moderatorin des Konkurrenzsenders MSNBC. Die politische Agenda der Seite wird auch in ihrer Berichterstattung deutlich. Vor der Präsidentschaftswahl im Herbst 20012 berichtete Fox Nation ausschließlich von den (wenigen) Umfragen, die Republikaner-Kandidat Mitt Romney vor Obama sahen. Und schon nachdem Obama seine Geburtsurkunde online gestellt hatte, ließ Fox Nation das Thema nicht los.

„America’s Talking. All Opinions Welcome“ funktioniert, wie auch das Sendermotto „Fair and Balanced“ nur unter einer Voraussetzung: Der Idee, dass liberale und linke Medien den Mainstream beherrschen, und eine offen konservative Haltung nur ein Gleichgewicht herstellt. Binnen-Fairness findet bei Fox News aber nicht statt.

Mit angsteinflößenden, provokanten Überschriften und Nachrichtenhäppchen können es Medien sicherlich schaffen, ein Publikum zu bedienen, zu unterhalten und zu involvieren. Allein mit Journalismus hat das nicht mehr viel zu tun, vor allem, wenn der politische Einschlag derart deutlich wird und für einen neutralen Beobachter komplett mit dem Anspruch kollidiert. Ein Vorbild für deutsche Medien wird Fox Nation aber wahrscheinlich nicht werden – zu gemäßigt sind Zeitungen und vor allem Sender in ihren politischen Neigungen, erst recht im Vergleich zum emotional aufgeladenen US-amerikanischen Pundit Journalism.

Unter den Artikeln von Fox Nation haben sich aber wohl auch Trotz-Kommentatoren zusammengefunden: Zum Artikel „Dr Carson Explains Why ObamaCare is ‚Worst Thing Since Slavery‘“ kommentiert Nutzer xYodax:

this headline should read

 „token black conservative plays race card to a disgusting level, surpasses liberals“

Auch mit der unterbewussten Aufforderung zur Konfrontation kann eine Website wohl Klickzahlen zusammenklauben.

Werbeanzeigen

In den USA ist ein neues Gesetz auf dem Weg, das nominell die Rechte von Journalisten stärken soll. Dabei nutzt es aber eine enge Definition von „Journalist“, die besser auf die Zeit vor der Digitalisierung gepasst hätte. Aber auch das deutsche Zeugnisverweigerungsrecht lässt sich im Internetzeitalter unterschiedlich auslegen.

„Congress shall make no law […] abridging the freedom of speech, or of the press […]“

First Amendment to the Constitution of the United States of America

Die Verfassung der Vereinigten Staaten, wie auch das deutsche Grundgesetz, erkennen die Bedeutung der Presse für die Demokratie und die Gesellschaft an. Dafür können sich Journalisten in Deutschland auf umfassende Privilegien berufen – erschwerte Fusion von Medienunternehmen, um Meinungsmonopole zu verhindern, Auskunftspflicht von Behörden, Beschlagnahmeverbot für recherchiertes Material und Schutz vor Gericht in Form des Zeugnisverweigerungsrechts. Die Strafprozessordnung  erlaubt das Schweigen über Quellen und Informationen für Personen,

die bei der Vorbereitung, Herstellung oder Verbreitung von Druckwerken, Rundfunksendungen, Filmberichten oder der Unterrichtung oder Meinungsbildung dienenden Informations- und Kommunikationsdiensten berufsmäßig mitwirken oder mitgewirkt haben.

Das ist eine recht breite Definition, die sich vor allem auf die Produkte des Journalismus bezieht und weniger auf die einzelnen Personen, die daran beteiligt sind. „Journalist“ ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung – jeder kann sich so nennen.

In den USA allerdings haben Senatoren ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das eine Definition liefert. Kritiker befürchten aber, dass diese Definition nicht den modernen Umständen der Medienwelt gerecht werden und so eher Schaden als Nutzen anrichten könnte.

Am Donnerstag hat der Senat einem Gesetz zugestimmt, das dem deutschen Zeugnisverweigerungsrecht ähnelt – das erste „Shield Law“ auf Bundesebene. Das größte Hindernis bei der Formulierung: der Streit darum, wer in den Genuss dieser Privilegien kommen soll. „I can’t support it if everyone who has a blog has a special privilege … or if Edward Snowden were to sit down and write this stuff, he would have a privilege. I’m not going to go there“, sagte die kalifornische Senatorin Dianne Feinstein. Geschützt sollen so nun Personen sein, die für Organisationen, die Informationen und Nachrichten verbreiten recherchieren und berichten – eine traditionelle Auffassung, die etwa Blogger kaum berücksichtigt, auch wenn Richter Ermessenspielraum haben sollen. Whistleblower haben ohnehin nichts von dem Gesetz.

In dieser Form würde das Gesetz zwar klassische Journalisten bei etablierten Medien etwas besser schützen (Zeugnisverweigerungsrechte gibt es aber bereits in 40 Staaten und dem District of Columbia), die Realitäten des neuen Medienzeitalters aber außen vor lassen, kritisiert etwa das Vice Magazine. Große Medienhäuser ließen sich einfacher von der Regierung beeinflussen als unabhängige Newsblogger.

Ohnehin würde das neue Gesetz keinen umfassenden Schutz bedeuten. Der Effekt hinge vom Fall ab: In zivilrechtlichen Verfahren müsste der Kläger beweisen, warum sein Anliegen, also etwa die Herausgabe der Informationen, schwerer wiegt als die Pressefreiheit, bei strafrechtlichen Verfahren läge die Beweislast aber schon beim Journalisten. In Fällen der „nationalen Sicherheit“ schließlich wären Journalisten kaum noch geschützt – wenn der Kläger beweisen kann, dass mit den Informationen etwa ein Terroranschlag verhindert werden könnte, kann der Richter nicht verhindern, dass die Herausgabe der Informationen angeordnet wird. Der Kongress und der Präsident müssen dem Gesetz noch zustimmen, bevor es erlassen wird.

Das deutsche Zeugnisverweigerungsrecht ist stark, aber auch hier gibt es Fälle, die für manche in rechtlichen Grauzonen liegen – gerade wenn es um die Möglichkeiten des Internets geht. Sind Medien für Äußerungen ihrer Nutzer oder Leer verantwortlich? Müssen die Medien Informationen über ihre Nutzer preisgeben, oder sind sie als Quellen geschützt? Dieses Jahr gab es mehrere Fälle, über die sich Kritiker empören: Ein Redakteur eines Bewertungsportals für Kliniken soll in Beugehaft gekommen sein, weil er Nutzerdaten nicht herausgab. In einem ähnlichen Fall hatte die Polizei bereits einen Durchsuchungsbefehl für die Redaktion der Augsburger Allgemeinen vorliegen, um wiederum an Nutzerdaten ihres Forums zu kommen (die Zeitung hatte die Daten herausgegeben, um eine Durchsuchung zu verhindern).

Es ist gut, dass Gesetzgeber die Presse schützen wollen. Da es aber kein Standesrecht, keine generelle Definition, kein Register für Journalisten gibt, müssen sie sorgfältig abwägen, für wen neue Regelungen gelten. Wer gerade jetzt in Zeiten des Umbruchs immer noch das Bild des Reporters mit Hut und Notizblock vor Augen hat, ignoriert die Realität. Nicht-professionelle Journalisten, citizen journalists, vielleicht auch Whistleblower erfüllen alle wenigstens teilweise die Aufgaben, die die Presse hat – und sollen so auch dementsprechend geschützt und anerkannt werden. Medien in der Demokratie sind kein Selbstzweck, sondern sollen an ihrem Nutzen und ihrem Beitrag zur Gesellschaft gemessen werden.

Journalisten haben es nicht immer einfach. Besonders nicht, wenn sie über rachsüchtige Musiker schreiben.

1991 veröffentlichten Guns N‘ Roses ihre zwei Doppelalben Use Your Illusion 1 und 2. Auf Nummer zwei findet sich der Track „Get In The Ring“, der zunächst wie die typische G N‘ R-Nummer wirkt: harter, schneller Blues mit Axl Rose‘ krächzendem Gesang über alles, was ihn so anpisst. Der Unterschied zu sonst: Rose nennt Namen. In dem Song beleidigt er namentlich mehrere Musikjournalisten, die ihm wohl irgendetwas angetan haben mussten – und das auf einem Album, das die Recording Industry Association of America siebenfach mit Platin ausgezeichnet hat. Das bedeutet mehr als 14 Millionen verkaufte Scheiben. Die Kritik fiel nicht sehr konstruktiv aus:

And that goes for all you punks in the press
That want to start shit by printin‘ lies instead of the things we said
That means you
Andy Secher at „Hit Parader“
„Circus Magazine“
Mick Wall at „Kerrang“
Bob Guccione, Jr., at „Spin“
What, you pissed off ‚cause your dad gets more pussy than you?
Fuck you
Suck my fuckin‘ dick

You be rippin‘ off the fuckin‘ kids
While they be payin‘ their hard-earned money to read about the bands
They want to know about
Printin‘ lies, startin‘ controversy
You wanna antagonize me?
Antagonize me, motherfucker
Get in the ring, motherfucker
And I’ll kick your bitchy little ass

Punk

Guns N‘ Roses waren innerhalb weniger Jahre seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums Appetite For Destruction 1987 zur wohl größten Rockband des Planetens aufgestiegen. Aber Frontmann Axl Rose war bekannt für seine unzuverlässige, cholerische Art – gerade auch gegenüber Medien. „If there was a bad review, [manager] Doug Goldstein and I would be in the hotel stealing all the newspapers, because if Axl read it, who knows if he would get on the plane to the next city“, sagte Josh Richmann, ein Freund von Rose.

Was also haben die Journalisten im Text von „Get In The Ring“ besonders abscheuliches verbrochen, dass Axl Rose sie derart öffentlich anfeindet?

Andy Secher schrieb 2005 in „Hit Parader“: „He’s ’serenaded‘ us in song on Get Into The Ring (sic!), and taken his share of potshots (fairly or unfairly) at us – and we’ve returned the fire in kind!“ 1992 schien sich Rose aber immerhin so weit beruhigt zu haben, dass er dem „Hit Parader“ noch ein Interview gab.

Mick Wall scheint das Thema zu nerven – auch 20 Jahre nach der Veröffentlichung von Use Your Illusion. „I get emails from people who weren’t even born when the song was recorded, who say that they want to beat me up. I knew immediately that I would spend the rest of my life talking about that song“, sagte er im Interview mit dem schwedischen Aftonbladet (hier in der englischen Übersetzung, auf die ich mich verlassen habe). Doch der Angriff auf Platte hatte Wall verletzt. Die Beziehung zur Band sei zwischen 1987 und 1990 nicht nur professionell, sondern auch freundschaftlich gewesen. „I was the first person outside America to write consistently and seriously about them“, sagte er Wired. Der Grund für die Beleidigungen: Rose warf ihm vor, ein Interview mit ihm teils erfunden, teils falsch zitiert zu haben – ein Interview, das Wall aufgenommen hatte, wie er sagt.

Bob Guccione, Jr., war der Gründer des Musikmagazins „Spin“, das noch 2011 eine Auflage von fast einer halben Million hatte, bevor es 2012 eingestellt wurde. Rose verweist im Text auf dessen Vater, weil Bob Guccione, Sr., das Erotikheft „Penthouse“ gegründet hatte. Junior antwortete sogar auf den Angriff und bat Rose einen Kampf an – worauf Rose wiederum zurückgezogen hätte. „He’s a pathetic person“, sagte Guccione.  Sein Magazin „Spin“ hatte 1991 zum Beispiel das über die Band zu sagen: „This band has sucked shit more often than not since it curtailed live appearances after the fiasco at the October 1989 Rolling Stones shows at the LA Memorial Coliseum“, wo Rose mit rassistischen und homophobischen Beleidigungen um sich geschleudert haben soll.

Mick Wall jedenfalls glaubt, dass keiner seiner Kollegen nachtragend ist. „When the song came out I told his people that I would show up at any time if he wanted to talk. The others named in the song have done similar things.“

Der Journalismus in den USA ist seit Jahren im Umbruch. Verlage und Unternehmen finden kaum eine Möglichkeit, sich von der Finanzkrise 2008 zu erholen und von den neuen Entwicklungen im Internet zu profitieren. Dennoch gibt es junge Studenten, deren Berufswunsch Journalist ist. Wie bereiten sie sich auf den Einstieg in eine wacklige Branche vor?

Mein Dank gilt Kelsey Semien und Joshua Bolden, beide Journalisten an der University of Memphis, und Prof. David Arant, Leiter des Department of Journalism an der U of M, für ihre Beiträge.

„Unpaid internships may make the fortress [of journalism] accessible, sometimes, sure. But they only make it accessible to some people, the kind of people who are already over-represented inside. Those who can afford to work for free“, sagte 2011 Bethany Horne, damals Journalismus-Studentin in Halifax in Kanada. Sie spricht damit ein Problem an, das im Journalismus Ungleichheiten schafft.

Praktika sind der Weg in den Journalismus. Nur, indem man schreibt, dreht oder spricht, kann man das Handwerkszeug eines Journalisten lernen und Kontakte knüpfen – kein Studium kann die Praxis ersetzen. Das Problem: Bezahlte Praktika sind rar bis nicht-existent. Gerade die Situation in den USA scheint teils bizarr: Die allermeisten Praktika sind unbezahlt. Der Chicago Tribune etwa stellte 2009 die Bezahlung für Praktikanten ein. Einige wenige Medien wie die L.A. Times bezahlen ihre Praktikanten. Aber weil Studium und Berufserfahrungen in den USA viel enger verflochten und an die Universität gebunden sind, verlangen manche Zeitungen, etwa der Philadelphia Inquirer, dass die Universitäten die Bezahlung der Praktikanten übernehmen sollen. Dafür bieten sie reservierte Plätze für Studenten der Unis an.

Dabei sind die Regeln für unbezahlte Praktika in den USA eigentlich streng: Sie müssen dem Praktikanten für sein Feld nutzen, müssen unterrichtsähnlich sein – und dürfen dem Arbeitgeber nicht von unmittelbarem, etwa finanziellem, Nutzen sein. Ausnahmen gibt es für bestimmte, meist kleine Zeitungen und Websites. Prinzipiell gilt: Wer mit der Arbeit eines Praktikanten Profit machen will, muss wenigstens den Mindestlohn zahlen. Aber die Kultur der unbezahlten Praktika ist besonders im Journalismus weit verbreitet. Und das ist ungerecht. Denn Studenten aus ökonomisch schlechtergestellten Familien können es sich nicht leisten, sechs, acht oder zwölf Wochen ohne Lohn zu arbeiten, und noch dazu in einer Stadt wie New York City oder Washington, D.C., zu wohnen, in der die Mieten empfindlich hoch sind.

Das trifft vor allem die ethnischen Minderheiten in den Vereinigten Staaten, die sozio-ökonomisch generell immer noch schlechter gestellt sind. Laut Umfragen unter Medien sinkt der Anteil von ethnischen Minderheiten in Redaktionen seit 2006, dem höchsten Stand seit Beginn der Umfragen 1978. 2012 lag der Anteil bei zwölf Prozent – bei einem Bevölkerungsanteil von 28 Prozent laut dem US-Zensus 2010. Das macht den Journalismus schlechter, sagen viele Journalisten. Wenn der durchschnittliche Journalist ein weißer Mann aus der Mittelschicht ist, fehlte die Perspektive aller anderen Amerikaner. „This is a loss to the art of journalism and its ability to tell the whole American story“, schreibt etwa David Dennis für den Guardian.

Dennoch scheint das Bewusstsein für diese Zustände geschärft. In den letzten Jahren tauchten immer wieder Geschichten über Praktikanten auf, die ihre „Arbeitgeber“ verklagen. Diana Wang etwa musste 2011 für das Magazin Harper’s Bazaar 55 Stunden in der Woche teils hart körperlich arbeiten und sich um acht andere Praktikanten kümmern – ohne einen Cent Bezahlung. Ebenfalls 2011 klagten zwei Praktikanten gegen die Macher des Films „Black Swan“, 2012 klagte eine Praktikantin gegen die Talkshow Charlie Rose. Angesichts der andauernden Krise des Journalismus deutet aber nichts auf eine tatsächliche Besserung hin. Wenn Verlage gestandene  Redakteure entlassen oder Publikationen ganz einstampfen, wie könnte ein Praktikant da Bezahlung verlangen? Ein Trost bleibt Journalismus-Studenten in den USA: Im Vergleich zu ihrer Altersgruppe sind sie weniger oft arbeitslos und verdienen besser.

Was tut ein Mann, dessen Lebenswerk gescheitert ist? Er geht trainieren. Richard Fuld, alleiniger Chef von Lehman Brothers seit 14 Jahren, schwitzt auf dem Stepper, kurz nach der Pleite im September 2008. Ein Mitarbeiter stemmt Hanteln, doch er will Fuld nicht so einfach davonkommen lassen – er schlägt ihn bewusstlos.

Der Chef der viertgrößten Investmentbank der Welt überstand den Schlag ins Gesicht. Lehmans Schlag ins Gesicht der Anleger aber erschütterte den Globus – mit ihm begann die größte Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren. In Europa schreitet die Abwicklung der Insolvenz weiter voran. Und damit wird endgültig klar: Die großen Gläubiger, die Käufer der insolventen Tochterunternehmen  und die Verantwortlichen haben den Sturz von Lehman überlebt – oder sogar davon profitiert.

Im April verkündete Tony Lomas, der Insolvenzverwalter der europäischen Lehman-Tochter mit Sitz in England, alle Gläubiger auszahlen zu können. „Wir rechnen mit einer spürbaren zweiten Auszahlungsrunde in naher Zukunft“, sagte Lomas von der US-amerikanischen Firma PwC. Privatanleger in Deutschland, die Zertifikate von Lehman gekauft hatten, erhalten nichts davon. Schuld an der Verwirrung ist die Aufspaltung der ehemals weltweit agierenden Bank. Richard Fuld konnte über 420 Milliarden Euro verfügen – und damit spekulieren. Die aggressive Unternehmenskultur, gepaart mit risikoreichen Geschäften, hatte zur größten Insolvenz in der Geschichte der USA geführt. Nach der Pleite wurde das Lehman-Imperium mit seinen 7.000 Tochterfirmen in Einzelteile zerschlagen.

Fuld selbst musste immense Verluste hinnehmen, was ihn aber nicht zum armen Mann machte. Von 2000 bis zur Pleite verdiente Fuld fast 400 Millionen Euro. Experten schätzten sein Vermögen auch danach noch auf 80 Millionen Euro. Geld, das er zusammenhalten wollte: Im November 2008 etwa verkaufte er eines seiner Zehn-Millionen-Euro-Anwesen für 100 Dollar – an seine Frau. „Lehman war ein Opfer des Marktes“, hatte Fuld gesagt.

Der Markt behandelte Teile seines zerschlagenen Unternehmens derweil nicht schlecht. Die Lehman-Investmentsparte Neuberger Berman etwa hatte den Absprung geschafft. Die Angestellten kauften die Firma im Mai 2009. Mittlerweile verwalten sie 160 Milliarden Euro an Investments. Das US-Geschäft boomt wieder –  das erfährt auch die britische Bank Barclays. Sie hatte das Zentralgeschäft von Lehman gekauft  und damit einen sofortigen Gewinn erzielt. „Wir sehen jetzt, wie sich unsere Investments auszahlen“, sagte Antony Jenkins, Chef von Barclays, im April. Im ersten Quartal 2013 stiegen die Kapitalerträge um 19 Prozent auf knapp 700 Millionen Euro – dank Lehman. Skip McGee, Lehmans ehemaliger Investmentchef, führt jetzt Barclays in Amerika. Einzig die ehemalige asiatische Sparte von Lehman darbt. Die japanische Firma Nomura hatte sie als Grundlage für eine weltweite Expansion gekauft. Doch die meisten Lehman-Manager verließen die Firma unzufrieden oder nahmen bessere Jobs an.

Allein Richard Fulds Karriere ist vorbei. Er hatte 2009 beim Hedgefonds Matrix Advisors angeheuert, danach bei der Investmentbank Legend Securities. Beides sind unbekannte Namen. Seit Anfang 2012 ist Fuld untergetaucht. „Wegen seiner Rolle bei Lehman hat er keine Chance mehr auf eine Anstellung bei einer angesehenen Firma“, sagten Bekannte dem US-Sender Fox. Was Fuld bleibt, ist sein Geld.

So geht es auch den Gläubigern der Lehman-Reste unter Verwaltung von PwC, die wohl komplett ausgezahlt werden. Bisher hatte Tony Lomas zwölf Milliarden Euro ausgeschüttet. Daran verdient aber auch PwC: 2012 machte ihre 600-Millionen-Euro-Rechnung Schlagzeilen. Der Insolvenzverwalter der deutschen Lehman-Tochter, Michael Frege, kommt auf ähnliche Summen: 834 Millionen Euro soll seine Firma für die Abwicklung erhalten. „Das ist das Ergebnis eines unabhängigen Gutachtens“, sagte Hubertus Kolster von Freges Kanzlei. Für diese Summe hat Frege 15 Milliarden Euro an Insolvenzmasse gesichert – eine ungewöhnlich gute Quote von etwa 80 Prozent. Größte Gläubiger sind die Bundesbank und der Einlagensicherungsfonds, außerdem Hedgefonds und Banken. Die 50.000 deutschen Käufer von Zertifikaten erhalten nichts. Sie hatten mithilfe ihrer Hausbanken Zertifikate über eine niederländische Lehman-Tochter gekauft und damit über eine Milliarde Euro verloren. Das Ausfallrisiko lag bei ihnen.

„Fuld wird es weiter gut gehen“, hatte Henry Waxman vom Untersuchungskomitee des US-Kongresses 2008 gesagt.  Das gilt auch für die Überreste von Lehman, die Großgläubiger und nicht zuletzt die Insolvenzverwalter. Ein Hoffnungsschimmer bleibt allerdings für private Anleger in Deutschland. Ein Urteil des Bundesgerichtshofs  im Mai erklärte bestimmte Klauseln in Rechtschutzversicherungen für unwirksam – nämlich solche, die den Wertpapierkauf regeln. Mit Verweis darauf hatten viele Gerichte Klagen von Lehman-Opfern abgewiesen.

Die Polizei hat den zweiten Verdächtigen für die Bombenexplosionen von Boston lebend gefasst, nachdem der erste Verdächtige auf der Flucht gestorben war. Die mutmaßlichen Attentäter hatten massiv auf die Wirkung der Bilder gesetzt: Nirgendwo laufen so viele Videos, machen Zuschauer so viele Bilder wie beim Zieleinlauf eines großen Marathons. Die Täter setzten darauf, dass sich ihr Terror rasant verbreiten würde – über das Internet. Tatsächlich überschwemmten teils drastische Bilder die sozialen Netzwerke und andere Foren.

Aber nicht nur Bilder und Videos kursierten nach dem Anschlag, auch herzzereißende Geschichten und krude Verschwörungstheorien verbreiteten sich rasch. So hieß es etwa, ein junger Mann hätte geplant, seiner Freundin bei ihrem Zieleinlauf einen Heiratseintrag zu machen – die Explosionen hätten sie getötet. Viele Blogs behaupteten, der Anschlag sei eine False-Flag Operation, eine inszenierte Aktion der Regierung, die sie politisch nutzen könnte.

Im Chaos der Ermittlungen ist es logisch, dass Menschen spekulieren. Im Zeitalter des Internets können sie das aber öffentlich tun – und andere können ihre Spekulationen aufgreifen und weiterverbreiten. Das mag je nach Einstellung naiv, taktlos oder unverantwortlich sein, lässt sich aber nicht verhindern. Wer allerdings die Ruhe hätte bewahren müssen, waren die Nachrichtenmedien. Die Berichterstattung war aber alles andere als ruhig und gefasst. So berichtete CNN am Mittwoch von einer angeblichen Festnahme, die nie passiert war. Im Live-Fernsehen und auf Twitter verbreitete der Sender die Falschmeldung, die andere Medien wie Fox News und die Associated Press schnell aufgriffen, bis alle zurückrudern mussten. Das FBI kritisierte die Medien für ihre hektische und falsche Berichterstattung, weil sie unvorhersehbare Folgen für die Ermittlung haben könnte.

„Get it first, but first get it right“ – der Slogan von Randolph Hearsts International News Service definiert verantwortungsvollen, guten Journalismus. Redakteure müssen Zeitdruck und Sorgfalt gegeneinander aufwiegen. Das war sicherlich einfacher vor der Verbreitung des Telegrafen, dann des Radios und dann des Fernsehens. Das Internet aber hat die Verbreitung von Nachrichten nochmal massiv beschleunigt und das Publikum vergrößert. In der idealen Welt wiegt die Verantwortung gegenüber dem Leser oder dem Zuschauer im Zweifelsfall mehr als die Genugtuung, eine Meldung als erster gehabt zu haben.Die Realität zeigt aber die Hektik der Medien, die oft in journalistischen Desastern enden. Schon im vergangenen Jahr hatten CNN und Fox falsch über eine Entscheidung des Supreme Court berichtet, weil sie schon während der Verlesung des Urteils Meldungen geschrieben hatten.

Gerade in „developing stories“ ist die Informationslage unübersichtlich, die Ungeduld der Medien groß. Fehlerhafte Meldungen oder Spekulationen, um die Sendezeit zu füllen, bringen aber niemandem etwas. Wenn sich diese mangelhaften Informationen dann noch in der Nachrichtenflut des Internets verbreiten, wird ein Leser entweder nie die korrigierte Version bekommen – oder Vertrauen in die Nachrichtenmedien verlieren, wenn sie falsche Berichterstattung zugeben müssen.